05.03.2012

Texte in Ausstellungen

Gute Ausstellungen zeichnen sich durch harmonisches Zusammenspiel von Ort, Objekten, Texten, Medien, Gestaltung und Vermittlung aus.  
Bereichstext © Sistlau 2010
  lang, länger, am längsten, langweilig

Ausstellungen sind keine begehbaren Bücher. Lesbare Texte sind ein wichtiger Bestandteil des Gesamzkonzepts. Fachartikel gehören daher nicht an die Wand, sondern in den Katalog. Zielgruppe für Ausstellungen ist Familie Normalverbraucher und nicht das Fachpublikum. Lesen und Gelesenes zu verstehen, ist für nahezu die Mehrheit eine Herausforderung. Dazu kommt, dass Lesen im öffentlichen Raum stressiger und ermüdender ist als am heimischen Sofa.
Gute Texte werden gelesen, informieren und erfreuen das Publikum.

Ausstellungen soll(t)en thematisch ebenso scharf umrissen wie textlich prägnant sein. Deshalb werden dem Publikum zumindest Raum-, Bereichs- und Objekttexte angeboten. In exzellenten Ausstellungen sind zudem Kinder- und Easy-to-read-Texte selbstverständlich. Da die Hauptbesuchermasse meist aus Schulklassen besteht, ein sinnhaftes Angebot. Allen Texten ist gemeinsam, dass sie unkompliziert und fesselnd sein müssen, um das Publikum zum Lesen zu animieren.

Juniortext © Sistlau 2010
 Juniortext mit Aufgabe   
Raumtext informiert über die darin gezeigte thematisch abgegrenzte Ausstellungseinheit.
Bereichstexte strukturieren Raum und Inhalt nochmals.
Objekttexte sind die kleinste Einheit und gehören zu den Ausstellungsexponaten.
Juniortexte greifen nur wichtige, gut erzählbare Schwerpunkte kurz auf und regen zur genauen Betrachtung eines passenden Exponats an. Easy-to-read-Texte verschaffen einen einfachen Minimalüberblick und können auch als textliche Klammer für ganze Bereiche dienen.

Gute Texte sind kurz, informativ und frei von Fremdwörtern. Unvermeidbare Fachbegriffe sollen sich aus dem Zusammenhang erschließen oder müssen erklärt werden.

Aktiv und Indikativ sind besser verständlich als Passiv und Konjunktiv. Dieser Satz enthält vier Fremdwörter und zwei wichtige Informationen, aber erst die Beispiele machen ihn leichter verständlich:
Der König wurde von sieben Kurfürsten gewählt. | Sieben Kurfürsten wählten den König.
Wäre der Habsburger nicht zum König gewählt worden, wäre die Ostgrenze des Reichs gefährdet gewesen. | Die Wahl des Habsburgers zum König sicherte die Ostgrenze des Reichs.

In der Kürze liegt die Würze. 12 bis 20 Wörter, Haupt- und Nebensatz sowie ein bis zwei Informationen pro Satz reichen. Schachtelsätze, die sich über etliche Zeilen erstrecken und weit mehr als 15 Wörter enthalten, werden nur von der Minderheit oder meist gar nicht gelesen, sie müssen daher in mehrere kurze Sätze aufgelöst werden, um das Publikum zu erreichen. Mehr als 3 Zeilen, 38 Wörter und 249 Zeichen wie im vorigen Satz müssen nicht sein.

Abkürzungen und Römische Ziffern können nur wenige BesucherInnen auflösen. Im Jahre des Herrn 1849 ist daher verständlicher als "Anno Domini MDCCCXLIX". Datierungen, die mit „zu Beginn des letzten Viertels des 3. Jh. v. Chr.“ angegeben werden, dürften dem Publikum ebenso wie viele Abkürzungen m. E. (meines Erachtens) sowieso nicht zugemutet werden.

Objekttext © Sistlau 2010
 Nein, der Text ist keine Erfindung ...
Noch ein Hinweis zum Objekttext: Er sollte einerseits mehr als die Inventarnummer und andererseits deutlich weniger Nomen und Fremdwörter als dieses katastrophale Beispiel - ganz davon abgesehen, dass ein Nautilus keine Schnecke ist - bieten:
Der Deckelpokal veranschaulicht die Faszination der Kombination von exotischer Naturgestalt und menschlicher Kunstfertigkeit. Solche kostbar gestalteten Pokale sind somit repräsentative Vertreter für eine Kunst- und Wunderkammer. Auch gibt es die Hypothese des Zusammenhangs der Entdeckung des logarithmischen Rechnens mit der Erforschung des Nautilus, also der logarithmischen Spirale eines Schneckenhauses. Somit wäre der Nautilus ebenso der Gruppe der Scientifica, der Wissenschaft, zuzuordnen und daher die Schnittstelle zwischen Naturalia, Artificialia und Scientifica.

Seien Sie bei Ihrem nächsten Ausstellungsbesuch kritische/r Leser/in. Prüfen Sie, ob die Texte die Basiskriterien erfüllen und publikumsfreundlich sind. Wenn nicht, beschweren Sie sich, schließlich haben Sie Eintritt bezahlt!

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